Bautzener Zeitung Mittwoch, 20. April 1994
Rittergütter, Herrenhäuser und Schlösser im Kreis

Die Wurzeln von Halbendorf reichen ins frühe Mittelalter

  Dort wo die historische Verkehrsader von Bautzen nach Böhmen und Prag, die Kaiserstraße, das Cunewalder Wasser überquert, ist das Rittergut Halbendorf entstanden. Heute ist es die Bundesstraße B 96, die auf weiten Strecken diesem alten Wege folgt. An der Stelle, wo das Cunewalder Tal in das Spreetal übergeht, hat sich diese Geländeeinschnürung für die Herausbildung der Straße, mit ihr der Ansiedlung und eines Rittergutes als besonders günstig erwiesen.
  Orte mit dem Namen Halbendorf sind recht häftig vertreten. Zurückzuführen ist dies Bezeichnung auf "die zwei Halben", die sich nicht zu selbständig Orten, sondern aufgrund des geringen Abstandes voneinander zu einem Dorf entwickelt haben. Ursachen für die "Halben" können besitszrechtlich, topographisch, sprachlich, aber auch religiös bedingt sein. In jedem Fall waren diese Teile von einer bestimmten Zugehörigkeit geprägt. Nach der Aufhebung oder Veränderung dieser Zugehörigkeiten änderte sich der Status, doch der Ortsname ist erhalten geblieben.

  Als "Halbindorff" erwähnt
  Bereits 1374 wird "Halbindorff" geschrie- ben. Zu dieser Zeit hat ein alter Rittersitsz schon lang bestanden, und auch das Bautzener Domstift hatte zu Halbendorf Grundbezitsz zu eigen.
  Wie so oft in underer Landschaft, war der frühe Rittersitsz auch hier auf einer Wasserburg in der Bachaue angesiedelt, die archäologische nachgewiesen ist. Diese Wasserburg lag östlich der wichtigen Straße in Richtung auf Weigsdorf Köblitsz und wurde durch das Herausrücken des Gutes verlassen. Ob der neue Guts- complex dann gleich westlich an der Straße entstanden ist, oder noch einem anderen Standort hatte, ist nicht bekannt.
  Rittergutbesitszer waren die von Rechenberg um die Mitte des 17. Jahrhunderts, die von Gersdorff, damals auf Zschorna, um 1700 die von Foelckersahm, ein Kur- und Livländsches Rittergeschlecht. Nun folgen die von Nostitsz und die von Rothmaler. Von ihnen fällt Halbendorf 1806 für 42 000 Taler an den Seidauer Vorwerkbesitszer Johann Traugott Katzer. Wirtschaftliche Schwierig- keiten führten 1815 in Auswirkung der Befreiungskriege zur Adjudikation, und der neue besitzer war Johann Gottlieb Böhme mit seinen vier Söhnen aus Wehrsdorf.
 
Sie standen unter domstiftlicher Erbunter- tänigkeit, die mittels Losbrief von 1817 aufgehoben wurde.
  Ferdinand Hempel besaß 1834 Halbendorf und neun Jahre später Benjamin Barchmann aus Prietitz.Ständig wechselnde Herrschaften sind kennzeichnend für die Geschichte des Halbendorfer Rittergutes, das sich 1845 schon in der Hand von Stephan Schmidt aus Dresden befindet. Göhler, Petsch und Amalie Auguste Tietze sind alles bürgerliche Besitzer des Gutes, das über Friedrich Beuchel und Gottfried Jacobi erst 1869 wieder einen besitzer von Adel hat: Hans Ernst von Oppell. Von dessen Witwe kommt Halbendorf 1882 an Johann Lehmann, und von ihm erwirbt es 1893 für 145 Reichsmark Baron Daniel Adrian Hektor Wilhelm von Hermstra aus Detmold.
  Auf diesen Besitzer ist wahrscheinlich der Neubau des Herrenhauses im Stil des ausgehenden 19. Jahrhunderts entstanden, das noch heute als architektonisch ansprechendes Gebäude vorhanden ist. Die Schauseite mit dem Portal und Vorhaus ist nach Osten gerichtet und mit einem Turm gestaltet. Östlich gegenüber sind die Reste der Wirtschaftsanlage zu finden und nach Süden war ein Park angelegt. Doch schon in den ersten Jahren underes Jahrhunderts hatte der Herr Baron das Gut an den Hofrat Karl Friedrich Raimund Sache verkauft.
  Nach dem zweiten Weltkrieg wurde das Haus Gemeindeeigentum, und ein Kindergarten sowie ein Schulort wurden eingerichtet. Außerdem wurden die anderen Räume zu Wohnungen ausgebaut. Die Kindereinrichtung hat sich bis in die jüngste Zeit erhalten und ebenso auch die Nutzung als Wohnhaus für mehrere Familien. Die Wirtschaftsanlagen unter- lagen der Nutzung durch die LPG Typ III "Clement Gottwald".

  Grab von Walter Scott

  Abschließend soll eine Besonderheit mit der dieses Rittergut in Verbindung steht, nicht unerwähnt bleiben. Geht mann aufmerksam über den Friedhof an der katholischen Kirche zu Schirgiswalde, so findet man an der Westseite der Halle einen mit Kreuz geschmückten Grabstein. Walter Scott, geboren 23. Juni 1805, gestorben 19. März 1876 und Elisabeth C. Peat, geboren 5. September 1810, gestorben 20. Juni 1879, so die Inschrift.
 
Schloßneubau entstand zur Jahrhundertwende
vermutlich durch Baron von Hermstra


Das ehemalige Herrenhaus des Rittergutes Halbendorf im Gebirge

Der englische Name erscheint in unserer Gegend doch etwas sonderbar. Scott wurde in Edinburgh Schottland als Verwandter des Dichters und Schriftstellers Sir Walter Scott geboren, der zu den Begründern des romantisch geprägten historischen Romans geworden ist. Walter Scott schlug die militärische Laufbahn ein, wurde Admiral und General.
  Nachdem er jedoch in Ungnade gefallen war und verbannt wurde, verließ er seine Heimat und übersiedelte zu seiner Schwester Elisabeth Peat, die auf dem Rittergut Halbendorf wohnte. Hier wechselte er zum katholischen Glauben über und wurde nach seinem Tode auf dem Friedhof zu Schirgiswalde bestattet. Nur der Grabstein erinnert heute noch an einen schicksalhaften Lebensweg, der auf dem Rittergut Halbendorf vor 118 Jahren seinen Abschluß gefunden hat.